Das Oberaspher Straßenfest – eine Erinnerung an die hessische Gebietsreform

von Horst Wagner

(Der folgende Artikel ist im „Jahrbuch 2008“ des Landkreises Marburg-Biedenkopf erschienen und wurde lediglich auf den Stand bis heute ergänzt.) (PDF-Version aus der Festschrift)

„Wir schreiben das Jahr 1974. Ganz Hessen ist in der Hand der Wiesbadener Gebietsreform. Ganz Hessen? Nein!

Gegen den Willen seiner 300 Einwohner war Oberasphe der Colonie Waldeck-Frankenberg zugeschlagen worden, obwohl deren Herz schon immer in Richtung Marburg-Biedenkopf geschlagen hatte. Sie kämpften, die Oberasperinnen  und Oberaspher, und waren noch im selben Sommer erfolgreich. Zur Erinnerung an den glorreichen Sieg gelobten sie, denselben alle sieben Jahre gebührend zu feiern. … „

Soweit der Vorspann aus der „Hessenschau“ vom 10. Juli 1995 zum Bericht über das damalige Oberaspher Straßenfest, in Anlehnung an die Asterix-Comics über die Auflehnung des kleinen gallischen Dorfes gegen die römische Weltmacht.

Komisch zu Mute war den Oberasphern in den Zeiten der Gebietsreform 1973 und 1974 allerdings überhaupt nicht. Hatte man ihnen doch versprochen, sie bei der Neugliederung der Gemeinden und Kreise dem Kreis Marburg-Biedenkopf zuzuordnen. Groß war dann das Entsetzen, als der Hessische Landtag im September 1973 in dem entsprechenden Gesetz beschloss: „(…) Die Gemeinden Frohnhausen und Oberasphe werden in die Stadt Battenberg eingegliedert“ (§ 13;1). „(…) Dieses Gesetz tritt am 1. Januar 1974 in Kraft“ (§ 23).

Dabei war das eigentliche Problem nicht die Zuordnung zu Battenberg, sondern die Nicht-Zuordnung zum Kreis Marburg Biedenkopf. Gehörte doch Oberasphe über 250 Jahren mit dem Amt Battenberg zum hessen-darmstädtischen Hinterland und somit zum Kreis Biedenkopf. Schon in 1932, als in der damaligen Verwaltungsreform das Amt Battenberg zum Kreis Frankenberg kam, hatte es in Oberasphe Unmut gegeben. Man fühlte sich kulturell und geographisch dem Raum Marburg-Biedenkopf zugehörig. Hinzu kamen jetzt die Bedenken, dass künftig große Entfernungen zur neuen Kreisstadt Korbach zurückzulegen seien.

Sofort nach der Wiesbadener Entscheidung setzte der Protest ein. Am nächsten Tag wurde die Oberaspher Fahne am Bürgermeisterzimmer mit einem Trauerflor behängt, der Widerstand organisierte sich. Die Anzahl der Gemeindevertreter war schon im Vorfeld der Gebietsreform verdoppelt worden, zusätzlich wurde jetzt noch eine Bürgerinitiative gegründet. Aber auch die Vereine trugen ihren Teil bei, zudem wurden private Aktionen unternommen.

Als schließlich der 1. Januar 1974 heraneilte und das Gesetz immer noch Bestand hatte, spitzte sich die Lage mehr und mehr zu. Überall im Dorf wurden Protesttransparente angebracht. An der Durchfahrtsstraße wurden Strohpuppen aufgehängt – als Symbol für die verantwortlichen Politiker. Alles, was mit der Eingliederung zu Battenberg zu tun hatte, wurde boykottiert. Die Gemeindevertretung trat geschlossen zurück und war nicht mehr zu einer Zusammenarbeit mit den neuen Verwaltungsstellen bereit. Das Prinzip „Bürgerlicher Ungehorsam“ wurde konsequent umgesetzt. Ex-Bürgermeister und späterer Ortsvorsteher Michael Koch formulierte es später im Fernsehinterview so: „… wenn irgend eine Not kommt, halten die Oberaspher zusammen wie Pech und Schwefel.“

Höhepunkt der Aktionen war der 10.Januar 1974, als die Verwaltungsbeamten aus Frankenberg und Battenberg wichtige Gemeindeakten in Oberasphe abholten. Ein erster Versuch, die Akten zu bekommen, war wenige Tage zuvor gescheitert. Als schließlich die Beamten in Oberasphe eintrafen, wurden sie bereits von einer großen Menschenmenge erwartet. Während der anschließenden Gespräche im Bürgermeisterzimmer wurde die Sirene ausgelöst und die Kirchenglocken wurden geläutet. Es liefen noch mehr Menschen zusammen, Sprechchöre bildeten sich, Knallfrösche wurden gezündet. Die Situation drohte zu eskalieren, es kam zu tumultartigen Szenen. Erst nach zwei Stunden wagten sich die Beamten wieder heraus, sie mussten dann von Demonstranten eingekesselt im Schritttempo mit ihrem Dienstwagen bis zum Ortsausgang fahren.

2 Abholung der Akten

Die Abholung der Gemeindeakten am 10. März 1974. Oberhessische Presse, Sonderbeilage März 1999

Schließlich – zu guter Letzt – mussten die Verantwortlichen nachgeben. Im „Gesetz zur Neugliederung der Landkreise Marburg und Biedenkopf“ vom 12. März 1974 wurde beschlossen: „Die Gemeinden Münchhausen, Niederasphe, Simtshausen und Wollmar und der Ortsteil Oberasphe der Stadt Battenberg (Eder), Landkreis Waldeck-Frankenberg, werden zu einer Gemeinde im Landkreis Marburg mit dem Namen Münchhausen“ zusammengeschlossen. (…) Dieses Gesetz tritt am 1. Juli 1974 in Kraft“ (§ 2).

Die Freude war natürlich riesengroß. Mann hatte es geschafft. Alle waren stolz – Einigkeit macht stark. Bevor man zur gewohnten Tagesordnung überging, war noch vieles zu klären und zu regeln. Aber man wollte den Erfolg auch feiern. Das war die Geburtsstunde des Oberaspher Straßenfestes.

3 Frauen mit Bierfaß

Ein „Bierfass“ wird herbeigeholt. Die älteren Oberaspher Frauen trugen in 1974 noch vorwiegend Tracht. Hinter dem Bierfass Hermann Linne, Vorsitzender der Bürgerinitiative, rechts Michael Koch, Bürgermeister. Foto: Oberhessiche Presse, 8.März 1974

Für ein „gewöhnliches“ Fest mit Festzelt blieb bereits keine Zeit mehr, deshalb wurde entschieden, ein Fest  mitten im Dorf unter freiem Himmel zu organisieren. Als geeigneter Ort wurde die Straße „Weite Höhe“ bestimmt, die reichlich Platz bietet und verkehrsmäßig umfahren werden kann. Die Organisation übernahm die Bürgerinitiative in Verbindung mit der wieder aktiven Gemeindevertretung. Ein Tanzboden musste noch neu gezimmert werden, eine Blaskapelle wurde engagiert und alle konnten kommen und feiern. Und es kamen sehr viele Menschen zum Feiern, wenngleich auch das Wetter für die Freiluftveranstaltung kühl war. Zudem erschienen viele Politiker und gratulierten – man hatte den Eindruck, dass im Grunde alle für die erzielte Lösung gewesen waren.

Das Fest dauert vom Samstag, dem 6. bis zum Montag, dem 8. Juli. Der Montag war als Frühschoppen und Festausklang geplant, aber es wurde auch noch spontan ein „Gaudi-Festzug“ aufgestellt. Alles in allem war das Fest der große Abschluss eines großen Erfolges. Was blieb, war das tolle Gefühl, gemeinsam etwas Großes erreicht zu haben.

Eine Wiederholung des Festes war zunächst nicht fest vereinbart worden, aber es war kaum zu verhindern. Als im Jahr 1981 das fünfzigjährige Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr anstand, wurde wieder entschieden, das Fest in der gleichen Weise zu feiern. Auch dieses Fest war ein Erfolg. Danach war eigentlich erst klar, dass das Straßenfest zur festen Oberaspher Tradition, und im Zyklus von sieben Jahren gefeiert werden sollte.

4 Straßenfest 1981

Die Feststraße am Festsonntag 1981 – Alt und Jung feiern. Foto: Bienhaus

Zur Organisation des nächsten Festes im Jahr 1988 hatte sich die Feuerwehr mit der inzwischen gegründeten Burschenschaft zusammengeschlossen. Es wurde um eine Attraktion bereichert – am Freitag wurde in der Feststraße ein Rockkonzert mit zwei Bands veranstaltet. Zudem wurden erstmalig alle Arbeiten, also auch die komplette Bewirtung, von den Oberasphern selbst durchgeführt. Das alte Zusammen­gehörig­keitsgefühl funktionierte noch, alle halfen mit.

Zum vierten Straßenfest 1995 reihte sich auch noch der Männergesangverein mit in die Gruppe der Veranstalter ein. Damit waren alle größeren Vereine des Dorfes beteiligt, eine logische Maßnahme, da ja ohnehin alle Einwohner eingebunden waren.

Ein „kleines Straßenfest“ wurde in 1999 dazwischen geschoben, weil sich nun die Gebietsreform zum fünfundzwanzigsten Mal jährte. Zu diesem Anlass wurde ein „Pressespiegel“ zusammengestellt und veröffentlicht, in dem die Ereignisse von 1973/74 nachgelesen werden können.

Das fünfte Straßenfest fand in 2002 statt. Man konnte feststellen, dass sich das Fest inzwischen etabliert hat und in der Region zu einem festen Begriff geworden ist. Die Oberaspher freuen sich, wenn sie mit vereinten Kräften über vier Tage eine Festgemeinde von zeitweise über 1000 Besucher empfangen können. Dass die vereinten Kräfte im Notfall immer noch funktionieren, konnte man beim  Fest in 2002 wieder gut beobachten. Am Samstagvormittag setzte während der Umbauarbeiten vom Rockkonzert zum Volksfest ein leichter Regen ein, der nach und nach zunahm. Erst nach 13.00 Uhr wurde endgültig entschieden, die Feststraße zu überdachen. Es wurden alle noch verfügbaren kleineren Festzelte der Umgebung gemietet und mit vereinten Kräften aufgebaut. Jeder half mit. Als das Fest begann, waren rund 1000 Sitzplätze überdacht.

Als Besonderheit zu diesem Fest wurde eine Fotoausstellung mit alten und neuen Bildern von Oberasphe zusammengetragen und während der Festtage aufgebaut. Diese Sammlung wurde später in einem Bildband zur Oberaspher Dorfgeschichte veröffentlicht.

5 Gruppenfoto

Zu Beginn des Straßenfestes 2002 fanden sich (fast) alle Oberaspher Einwohner vor dem Eingangsportal zur Feststraße zu einem Gruppenfoto zusammen. Foto: Diana Nitschke

Das sechste Straßenfest in 2009 stand von Anfang an unter dem Einfluss von Regenwetter. Deshalb wurden auch schon im Vorfeld wieder die Sitzplätze in der Straße überdacht, es funktionierte auch, wenn es von Anfang an regnet. Es war wie immer ein voller Erfolg. In diesem Jahr wurde eine Fotoausstellung gezeigt, bei der alle Einwohner Oberasphes vor ihren Hauseingängen zu sehen waren.

Inzwischen gehören die alten Streitigkeiten lange der Vergangenheit an – seit nunmehr über 40 Jahren. Die Zeitzeugen und Beteiligten gehören heute schon zur „alten Generation“. Was aber bis heute geblieben ist, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewusstsein, dass Einigkeit stark macht. Und natürlich das Straßenfest.